GREGOR SAMSA SIND ICH

Sechs Bremer Autor*innen blicken gemeinsam auf Corona und entwickeln dabei online eine Art Fortsetzungsroman

Am 24. August geht ein neues Projekt des Bremer Literaturkontors an den Start: Sechs Autor*innen, sechs Geschichten, Sichtweisen und Gedankenexperimente rund um Corona. Zwischen Ende August und Ende November setzen sich Leyla Bektaş, Jörg Isermeyer, Lui Kohlmann, Betty Kolodzy, Florian Reinartz und Janika Rehak mit der Thematik auseinander. Die Autor*innen schreiben, suchen, dokumentieren, (hinter)fragen, tasten sich heran an die „neue Realität“ und an die eigene, veränderte Rolle in Kunst, Gesellschaft und Familie – und machen dabei das, was sie am besten können: Geschichten erzählen. Nebeneinander, miteinander, auf jeden Fall aber: Mit Abstand.

Home-Office, Abstandsregeln, Maskenpflicht, geschlossene Geschäfte, Schulen, Kindergärten, Grenzen: Covid-19 hat die Welt binnen Wochen verändert. Veranstaltungen wurden abgesagt, Kultur- und Kunstschaffende mussten sich neue Formate suchen. Sechs Bremer Autor*innen setzen sich mit dem Thema nun literarisch auseinander. Unter https://wirgregorsamsa.com/ schreiben sie ab dem 24. August jeder für sich und zugleich ein stückweit gemeinsam.

Mehrmals pro Woche gehen neue Beiträge online, entwickeln sich sechs Handlungsstränge parallel nebeneinander, berühren sich aber möglicherweise an der einen oder anderen Stelle. Wie Mosaiksteine setzen sich die verschiedenen Geschichten und Fragmente mit der Zeit zu einer Art multiperspektivischen Fortsetzungsroman zusammen, jedoch ohne den Anspruch, am Ende ein komplett in sich zusammenhängendes großes Ganzes zu ergeben – das Ganze bleibt ein literarisches Experiment, in dem auch kreatives Chaos erlaubt und erwünscht ist. Das Element der Fiktion ermöglicht zudem, anders als bei einem klassischen Blog, Handlungsverläufe, die sich sowohl parallel zur Realität entwickeln, als auch davon entfernen können. Der virtuelle Schreibprozess spiegelt dabei die (Nicht)Begegnung der Gesellschaft in Zeiten verordneter Distanz wider.

Der Titel „Gregor Samsa sind ich“ ist von der Figur aus Franz Kafkas Roman „Die Verwandlung“ inspiriert.
Eines Tages wacht der Protagonist auf und stellt fest, dass er sich über Nacht in einen riesigen Käfer verwandelt hat – ein Umstand, mit dem er von nun an leben muss. Vom Corona-Virus ist jedoch, im Gegensatz zu Kafkas Geschichte, nicht nur eine Einzelperson betroffen, sondern eine ganze Gesellschaft. Somit steht „Gregor Samsa“ stellvertretend für das Erwachen und Sich-Zurechtfinden-Müssen in einem veränderten, verwandelten Alltag. Anders als bei Kafka darf es für die Helden der Blog-Geschichten jedoch ein Happy End geben. Wenigstens eines im Rahmen der Möglichkeiten.

Das Projekt wird gefördert von der VHG-Stiftung sowie der Karin und Uwe Hollweg Stiftung. Ohne die finanzielle Unterstützung der beiden Stiftungen wäre das Projekt nicht möglich. „Gregor Samsa sind ich“ geht am 24. August 2020 online unter: https://wirgregorsamsa.com/

Kontakt
Bremer Literaturkontor // Jens Laloire // Goetheplatz 4 // 28203 Bremen
jens.laloire@literaturkontor-bremen.de // 0421 327943
Janika Rehak (Projektleiterin) // Am Bürgerpark 15 // 27383 Verden
janika.rehak@gmail.com // 0151 51159383

Informationen zu den Autor*innen

Leyla Bektaş, geboren 1988 in Achim bei Bremen. Studium der Romanistik in Köln, Bordeaux und
Mexiko-Stadt sowie Literarisches Schreiben in Leipzig. Arbeitete als Dozentin für spanischsprachige
Literatur an der Universität Köln, derzeit in der Textilbranche tätig. Schreibt Prosa und Essayistisches.
Zuletzt veröffentlichte sie in der Anthologie Flexen. Flâneusen* schreiben Städte (Verbrecher Verlag
2019). Ein Familienroman ist in Arbeit.

Jörg Isermeyer, geboren 1968 in Bad Segeberg, reiste als Straßenmusiker quer durch Europa. Nach
einem Studium der Psychologie, Soziologie und Pädagogik zog er die freie Künstlerlaufbahn einer
Universitäts-Karriere vor und lebt heute als Schauspieler, Regisseur, Theaterpädagoge, Musiker und
Schriftsteller in Bremen. Er schreibt vorwiegend für Kinder und Jugendliche, seine Bücher und
Theaterstücke wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Berliner Kindertheaterpreis und
dreimal mit dem „Lesekompass“ der Leipziger Buchmesse.

Lui Kohlmann (geboren 1995) hat Freie Kunst in Bremen in studiert. Zu ihrem Schaffen zählen Gedichte,
Künstlerinnenbücher, Kartenspiele, Kurzgeschichten, Comics und Trickfilme, die sie in Ausstellungen und
multimedialen Lesungen präsentiert. Darüber hinaus hat sie Texte in der MiniLit-Reihe (Heft 9)
veröffentlicht und ihre Arbeiten bereits u.a. im Rahmen der Langen Literaturnacht „Bremen liest“,
LitClips und auf dem Bremer Zine-Festival vorgestellt. Nicht zuletzt ist sie die Gründerin der
Quadropoden-Forschungsgesellschaft.

Betty Kolodzy, geboren 1963 in Wolfenbüttel und in München aufgewachsen. Die gelernte
Fremdsprachenkorrespondentin und Kommunikationswirtin lebt heute, nach Stationen in Marseille,
London, Granada und Berlin, als freie Autorin in Bremen. Sie verfasst Romane und Erzählbände, erhielt
mehrere Stipendien. Zuletzt erschien ihre Short Story „Denk ich an Elster“ im Hamburger Literatur
Quickie Verlag. Sie lehrt Kreatives Schreiben an der Uni, in Flüchtlingswohnheimen, Schulen, Museen
(u.a. Focke- & Overbeck-Museum). 2016 initiierte sie das Schreibprojekt Heimat:Sprache für Menschen
mit Fluchthintergrund. Für ihren Schreibworkshop Heimat:Sprache für geflüchtete Frauen wurde sie
2019 mit dem ersten Bremer Frauenkulturförderpreis ausgezeichnet. 2020 folgte eine Einladung des
Bundespräsidenten zum Neujahrsempfang im Schloss Bellevue. Infolge des Corona-Lockdowns initiierte
sie den Briefaustausch „NÄHE in Zeiten von Distanz“ in Kooperation mit dem Bremer Literaturkontor.

Janika Rehak, 1983 geboren und aufgewachsen in der Lüneburger Heide, lebt in Verden und arbeitet als
Autorin, Texterin und Journalistin, unter anderen für das deutsch-tschechische Online-Magazin jádu. Sie
ist Vorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS ver.di) des
Landesverbands Bremen-Niedersachsen sowie Mitglied im Literaturkontor Bremen und im Bremer
Rundfunkrat. Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten und Flash Fiction, gern mit surrealen Inhalten.

Florian Reinartz, geboren 1980 am Niederrhein, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr Gedichte und
Kurzgeschichten. 2010 promovierte er in Germanistik an der Universität zu Köln. Seine wissenschaftliche
Arbeit für die Günter Grass Stiftung Bremen führte ihn im selben Jahr in die Hansestadt. Seine Gedichte
und Kurzgeschichten sowie Zeichnungen und Fotos veröffentlicht Florian seit 2013 in seinem Blog
Freigeist. Er ist freiberuflich als Meditations- und Yoga-Lehrer sowie persönlicher Coach tätig. Er hat eine
Katze und hört gerne Death Metal.