Jetzt hat’s alle erwischt … geschlechtergerecht ins 21. Jahrhundert?

Gerade in Zeiten von Quotendiskussionen sind und bleiben Geschlechterverhältnisse ein gesellschaftlich relevantes Thema

Seit vielen Jahren stellen belladonna, Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrum für Frauen, und thealit frauen.kultur.labor öffentlich Fragen zur Geschlechterdifferenz und machen Frauenstandpunkte in Bremen und darüber hinaus sichtbar. Beide Einrichtungen sind wichtiger Bestandteil von Stadtkultur Bremen. Allerdings setzen sie an unterschiedlichen Punkten an, um Geschlechterverhältnisse in den jeweiligen gesellschaftlichen Diskussionen bewusst zu machen. Was macht das Angebot dieser beiden Einrichtungen aus, was verbindet und was unterscheidet sie?

Die Verwandlungskünstlerin thealit

Jährlich schreibt thealit thematisch konzipierte Projekte aus, denen ein sogenannter ›Call for Papers‹ vorausgeht. Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen reichen Konzepte, Buchprojekte und Kunstwerke zu einer Thematik wie z. B. ›Was ist Verrat?‹ ein. Die Kuratorinnen des jeweiligen Laboratoriums, wie thealit diese Projekte nennt, wählen aus, konzipieren und organisieren zusammen mit dem Projektteam. Zudem werden Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen angefragt, deren Positionen für die Thematik bedeutend sind.

Es gibt keinen festen Veranstaltungsort für die thealit-Projekte. Das Prinzip Zwischennutzung kommt hier ständig zur Anwendung, ob ein ehemaliger Werderfanshop zur Galerie wird oder ein leerstehendes Kaufhaus zur Partylocation avanciert. Durch ein eigenes Design, einen eigenen Webauftritt und eine abschließende Dokumentation erfährt jedes Projekt auch formal eine individuelle Gestaltung. thealit wendet sich nicht nur an das klassische Kunst- und Wissenschaftspublikum, sondern einfach auch an Neugierige, an Theorie- und Themenbegeisterte über Bremens Grenzen hinaus.

Der thealit Verlag ist das zweite Standbein der Einrichtung, er gibt die Dokumentation der Projekte sowie zwei eigene Schriftenreihen, die Labortheorie und das queerlab, heraus. Im queerlab werden experimentelle, literarische und bildnerische Arbeiten präsentiert, die Geschlechter_un_ordnungen thematisieren.

Im Oktober 2011 feiert thealit sein 20-jährigesJubiläum mit einer Party im Rahmen des neuen Projekts: ›Quite Queer Festival‹. Eine große internationale Konferenz mit einem Film-, Kunst- und Performance- Festival findet im November 2012 statt. Freundschaft und Queerness sind die Themenkreise, die hier miteinander verbunden werden.

Engagement , Innovation und Kontinuität : belladonna

Seit über 20 Jahren befindet sich belladonna in der Sonnenstraße im Viertel und setzt Schwerpunkte in den Bereichen: Kultur, Bildung, Wirtschaft und Archiv. Die verschiedenen Lebenszusammenhänge und Sichtweisen von Frauen stehen hier im Mittelpunkt, anders als bei den meisten Bildungs- und Kultureinrichtungen.

Für die Kreativwirtschaft bedeutet dies, dass belladonna kreative Frauen auf ihrem individuellen Weg zur Geschäftsgründung begleitet. Dieses Coaching bringt Frauen unternehmerisches Handeln näher. Die Kombination von Kultur und Wirtschaft speziell für Frauen ist ein Alleinstellungsmerkmal in Bremen. Auch für die kulturelle Bildung von Frauen setzt belladonna Zeichen.

Frauen, die in der Geschichte wenig Erwähnung finden wie Ida Kerkovius oder Elizabeth Gurley Flynn, werden in Ausstellungen, Vorträgen und Kunstgesprächen gewürdigt. Dem Frauenarchiv und Dokumentationszentrum im belladonna kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Mit über 750.000 systematisierten Presseartikeln – eine Einmaligkeit in Nordeuropa – stellt es eine wertvolle Quelle an Wissen von und über Frauen dar. Das Archiv ist seit April 2011 online zugänglich – ein zukunftsweisender Schritt. Seitdem können die Nutzerinnen und Nutzer problemlos auch von zu Hause aus vor allem Fachliteratur sowie Diplom und Examensarbeiten recherchieren. Ebenso präsentiert belladonna aktuelle weibliche Vorbilder auf seinen Podien. Im Mai diskutieren beispielsweise regionale und internationale Gäste vor dem Hintergrund der Fußball-WM der Frauen die gesellschaf tliche Dimension von Frauenfußball. Bald kann belladonna auf ein Vierteljahrhundert zurückblicken, denn 2013 wird Jubiläum gefeiert.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

belladonna und thealit verbindet die Tatsache, dass sie explizit Frauen in den Vordergrund stellen. Auf ihren Podien, in den jeweiligen Seminaren und Kursen oder in den Ausstellungen steht der weibliche Blickwinkel im Mittelpunkt und fast ausschließlich Frauen haben hier das Wort: bei thealit in den Bereichen Kunst, Medien und Wissenschaf t, bei belladonna in den Bereichen Kultur, Archiv, Bildung, Existenzgründung und Kreativwirtschaft.

ANNE BEEL, belladonna e.V.

Erschienen in der ZETT, Mai 2011