Geborgene Schätze – interkulturelle Ansätze in Bremen

In regelmäßigen Abständen entflammt in der Bundesrepublik die Integrationsdebatte: Wie soll Integration gestaltet werden?

In welchen Fällen kann man von einer gelungenen Integration sprechen und wann ist sie als nicht gelungen zu bezeichnen? Und während sich Politiker oftmals in hitzigen Diskussionen verrennen und eine endlos scheinende Rhetorik-Jonglage betreiben, zeigen interkulturelle Projekte in Bremen schon jahrelang vorbildhaft, wie man sich produktiv mit dem Thema auseinandersetzen kann. Dabei haben die Bremer Ansätze eines gemeinsam: Es geht darum, Schätze ans Tageslicht zu bringen – seien es musikalische, sprachliche, künstlerische oder Erfahrungsschätze – und den Menschen an sich und nicht seine Herkunft in den Vordergrund zu rücken.

Einen musikalischen Ansatz verfolgt das interkulturelle Stadtteilorchester ›insan…popular‹ des Kulturladens Huchting. ›Wir haben uns nicht hingesetzt und uns überlegt, ein schickes Projekt zu initiieren. Wir haben es im Dialog mit den Menschen in Huchting erarbeitet‹, so die Projektleiterin Vera Zimmermann. Unter der musikalischen Leitung von Norbert Ellrich studieren die elf Ensemblemitglieder aus sieben verschiedenen Ländern – darunter Russland, Iran, Bulgarien, Ukraine und auch Deutschland – Lieder in untersc hie dlichen Sprachen ein. Das zentrale Prinzip bei der Auswahl der Stücke ist, dass die Musiker Lieder aus ihren Herkunftskulturen einbringen. ›Aber auch Stücke, die die Orchester mitglieder in irgendeiner Weise beeindruckt haben, sind willkommen‹, betont Zimmermann.
Inzwischen besteht das Repertoire aus russischen, bulgarischen, japanischen, kurdischen und hebräischen Liedern. Eine weitere Besonderheit des Orchesters ist die generationsübergreifende Arbeit.  Bei ›insan…popular‹ musizieren Menschen im Alter zwischen 16 und 58 Jahren miteinander. Die beiden jüngsten Musikerinnen Valeria Orlova und Veronika Dychek sind sic h einig: ›Wir alle haben großen Spaß an Musik und fühlen uns durch den interkulturellen Austausch sehr bereichert – das verbindet uns.‹

Beim Erzählfestival ›Feuerspuren‹ von Kultur vor Ort e. V. in Gröpelingen setzt man auf den Schatz der Mehrsprachigkeit. Seit nunmehr fünf Jahren wird an zwei Novembertagen die zentral gelegene Lindenhofstraße für mehrere Stunden von Geschichtenerzählern, Tänzern, Akrobaten, Musikern und Feuerkünstlern okkupiert. Das Besondere an den Erzählern: Sie präsentieren eine Geschichte in ihrer Muttersprache und kombinieren diese mit deutschen Einwürfen. ›Dabei geht es nicht ums Übersetzen, es geht um ein Zusammenspiel der Sprachen. Das Spielen, Forschen, Ausprobieren mit Worten in einem interkulturellen Kontext ist wichtig‹, so die Projektleiterin Julia Klein, die vor dem Festival Erzählworkshops für die Teilnehmer anbietet. Auch die Erzählorte stellen eine außergewöhnliche Kombination dar. So kann man den Worten in einer Moschee, einem Friseursalon, einer Teestube oder in einer Kirche lauschen. Die Feuerspuren sind inzwischen nicht mehr aus Gröpelingen wegzudenken und längst über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt. Im letzten Jahr kamen mehr als 6000 Besucher.

Quartier Bremen setzt schon seit vielen Jahren Kulturprojekte mit gesellschaftspolitischer Relevanz um. Das letzte große Projekt, das ›EinWanderHaus‹, nahm sich der Integration an. Dabei standen Fragen wie ›Welche Perspektiven und Zukunftsvorstellungen haben – vor allem junge – Immigranten?‹ oder ›Wie gelingt es, dass Bremen für Zuwanderer zum Zuhause wird?‹ im Vordergrund. Wer beim EinWanderHaus jedoch an ein Gebäude denkt, in dem man umherwandern kann, der irrt sich. Vielmehr ist es ein Oberbegriff für mehrere von Quartier Bremen und seinen Kooperationspartnern initiierte und umgesetzte Projekte. Im Rahmen von sogenannten Kulturpartnerschaften mit Schulen aus Obervieland, Vegesack, Tenever oder Hemelingen haben sich etwa 2500 Bremer Kinder und Jugendliche im Laufe von eineinhalb Jahren auf künstlerischer, theatralischer oder musikalischer Ebene mit Multikulturalität beschäftigt. ›Die Arbeit der Schülerinnen und Schüler mit professionellen Künstlern war zentral für das EinWanderHaus. Denn Künstler schaffen Räume, in denen die jungen Menschen einen ganz neuen Blick auf das eigene Leben werfen und neue Perspektiven für sich entwickeln können‹, so beschreibt Quartier Bremen den Kern des Projekts. Davon, dass die Projektarbeit für die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von einer herausragenden Bedeutung war, ist Projektleiter und Geschäftsführer Marcel Pouplier überzeugt: ›Die Kinder und Jugendlichen haben ihren Eltern und der Öffentlichkeit am Ende ganz stolz ihre Ergebnisse präsentiert.‹

Ein interkulturelles Begegnungsangebot speziell für Frauen bietet das Kultur-, Kommunikations- und Bildungszentrum ›belladonna‹. Vor acht Jahren tauchte die Idee, ein Treffen zwischen Bremer Muslima und interessierten Bremerinnen zu initiieren erstmals auf, seit vier Jahren ist der interkulturelle Austausch fest im Programm von belladonna verankert.
›Einige Teilnehmerinnen sind wirklich schon von Beginn an dabei, aber es kommen auch immer neue Frauen zu den Treffen. Das sorgt für eine gute Mischung‹, sagt die Mitarbeiterin Anne Beel. Bei den Treffen, die abwechselnd in der Mevlana Moschee in Gröpelingen und bei belladonna im Viertel stattfinden, geht es darum, sich gegenseitig für die Religion, die Lebensweise, die Ansichten und Ideen der anderen Frauen zu öffnen, miteinander zu diskutieren und voneinander zu lernen. Aber auch über sehr persönliche Themen wird gesprochen, um aus dem Erfahrungsschatz der anderen zu schöpfen.

Ekaterina Feldmann, Freie Mitarbeiterin der ZETT

Erschienen in der ZETT, Mai 2011