Barcelona an der Waterkant – über Openair und Festivaltraditionen an der Weser

Um es vorneweg zu sagen: Bremen ist kulturell schon jetzt ganz groß.

Und auf dem Weg zu einer Kulturstadt des 21. Jahrhunderts von europäischem Format. Ihr Herz, so Anselm Züghart vom Kulturzentrum Lagerhaus, und gleichzeitig der Indikator, an dem sie sich wird messen lassen müssen, sind dabei die Openair- und Festivaltraditionen. In dieser Liga der urbanen Lebensqualität trifft die Speckflagge dann auf Städte wie Avignon oder Barcelona und hat – infrastrukturell betrachtet – dabei vor allem eines zu bieten: Eine Uferkante von 70 Kilometern.

Die, so Züghart, ist das urbane Zentrum dieser Stadt und dieses Landes. Diesen öffentlichen Raum gilt es zu bespielen, zentral und dezentral. Hier entstehen neben den etablierten immer wieder neue Projekte, die zu einer eigenständigen Kulturform werden, entwickelt von und mit der Bevölkerung: Es wächst eine vielfältige subkulturelle Identität in Bremen, in der Mitte der Stadt, aus den Stadtteilen und Wohnquartieren, aus bestehenden lebendigen Strukturen heraus. Und die sind der Nährboden der Stadtkultur, hier liegen ihre Wurzeln und ihre Potentiale.

Historisch betrachtet erzählt sich das dann so: Die Mutter aller Umsonst-und-Draußen-Traditionen ist die vor 26 Jahren ins Leben gerufene Breminale (mit ihrem Vorläufer Weserlust). Es folgten so bunte und stimulierende Feste wie der Samba-Karneval, das Zirkusfestival LaStrada und natürlich das Viertelfest, das von der bierbegleitenden Unterhaltungsmusik erfolgreich umgestaltet wurde zu einem kulturell und musikalisch anregenden Eckpfeiler des Bremer Sommer-Erlebens. In jüngerer Zeit kamen Projekte wie Blaumeiers Maskennächte und die neue Strandbühne LichtLuftBad mit dem Zirkus Quantenschaum und dem Kulturfest Stadtwerder dazu, sowie die Gröpelinger Feuerspuren und das Projekt ›Weserwege – Bremer Fährtag‹ entlang besagter Uferkante.

An diesem Tag ist die gesamte Bremer Fähren- und Fahrgastflotte im Einsatz. Unterwegs zwischen Woltmershauser Strand, Martinianleger, Pier2/ Waterfront, Europahafen, Holz- und Fabrikenhafen und Lankenauer Höft steuert sie die Weser auf und ab – die derweil kräftig bespielt wird. So werden Alt und Jung vom Woltmershauser Spiel- und Wassergarten zum Shantychor an der Schlachte transportiert, zur Radtour durch die Überseestadt, zum Labskaus-Essen im Hafenkasino, zur Führung durch die Kaffeerösterei am Holzhafen und zur Modenschau am Europahafen, unter anderem. Und als Botschaft begleiten Eselreiten, Beach-Tennis, Flohmarkt, Schatzsuche und Sandskulpturenbauen die Vision davon, wie wichtig und bereichernd eine lebendig pulsierende Verbindung beider Weserufer für die ganze Stadt ist. Initiiert wurde der Bremer Fährtag, der erstmalig 2007 stattfand, von Kultur vor Ort. Die Bespielung des linken Weserufers veranstalten das Kulturhaus Pusdorf und der Verein Pusdorf am Fluss.

Oder ein Beispiel aus Bremerhaven: Hier inszeniert der Kulturladen Wulsdorf alljährlich das
›Theatrale Lichterspektakel im Speckenbütteler Park‹, ein sinnliches Lichterlebnis, bei dem neben Feen, Elfen und Irrlichtern auch Lichtinszenierungen und -skulpturen sowie Objekte lokaler KünstlerInnen das Publikum in ihren Bann ziehen. Außerdem beleben diverse Theatergruppen den Park und auch Zirkus- und Tanzgruppen, die mit Ton- und Lichteffekten spielen, sind zugegen. Ähnlich, wenn auch intensiver und kleinräumiger auf lebende Figuren ausgelegt, ist die in unregelmäßigen Abständen stattfindende Maskennacht, bei der Maskenwesen verschiedenster Altersgruppen den Park bevölkern.

Das Bremer Triple komplettiert die eindrucksvolle Inszenierung von Moby Dick, die den Alten Fährspeicher in Vegesack 2008 und 2009 in eine hochozeanische Kulisse verwandelte – mit sprühenden Walfontänen, ohrenbetäubendem Donner und immer mal wieder auch waschechten Regengüssen.  Vom Kuba organisiert war die Veranstaltung wochenlang besetzt bis auf den letzten Platz und zwar – Regen hin oder her – bis zur letzten Minute.

Die Urbanität der Stadt

Die bestehenden Festivals – von Breminale und Viertelfest bis zu den zahlreichen kleineren und dezentralen Aktionen und Festivitäten – binden in Bremen bereits jetzt jährlich so viele Besucher, wie die Stadt Einwohner hat. Lebensfreude und Flair der Mittelmeerländer wehen einem in den Sommermonaten auch hier häufig um die Nase. Und um das auszubauen und voranzutreiben und sich tatsächlich zu einer europäischen Kulturstadt zu entwickeln, braucht die Stadtkultur neben einer soliden Ausfinanzierung ihres Grundbedarfs von der Politik vor allem eines: Einen großzügigen Umgang mit den Regeln und Vorschriften, die einer solchen Urbanität im Weg stehen. Prominentes Stichwort in diesem Zusammenhang: die Sperrstunde. Wenige Stunden an einigen Tagen im Jahr wären doch schon mal ein Anfang. Eine Breminale etwa, die nicht nachts um eins die Bürgersteige hochklappt, bringt nämlich nebenbei auch Geld in die Kassen der Stadtkultur, das in die Urbanität der Stadt zurückfließt und ein Klima der Kreativität befördert.

SOPHIE   HELLGARDT, Kulturzentrum Lagerhaus und freie Mitarbeiterin der ZETT, Erschienen in der ZETT, Mai 2011